MALI: Der Segen der großen Stille

Nach zwei Jahren Gefangenschaft in der Wüste zwischen Niger und Mali bezeugte der italienische Missionar Pater Pierluigi Maccalli seine ersten Eindrücke in einem Interview am 10. Oktober 2020, nur wenige Stunden nach seiner Befreiung.

Das katholische Hilfswerks Aid to the Church in Need (ACN) fasst das eindrucksvolle Zeugnis zusammen. Das Interview wurde vom SMA Media Center der Gesellschaft der Afrikamissionen geführt.

„Es fällt mir schwer zu sprechen, denn nach einer langen Zeit des Schweigens finde ich mich in dieser Welt wieder, in der Schnelligkeit und Worte das Wichtigste sind.“ Dies waren die ersten Worte von P. Maccalli nach seiner Freilassung, über die er viel Freude und Rührung empfunden habe, die aber ein Moment der Verwirrung gewesen sei.

Alles begann am 17. September 2018. „Es war ein ruhiger Montag gewesen. Ich hatte die Eucharistie gefeiert und etwas zum Abendessen eingenommen. Ich hatte mich wie üblich zurückgezogen, um die Morgenmesse vorzubereiten. Als ich ein Geräusch hörte, dachte ich, es könnte jemand gewesen sein, der Medikamente aus dem Lager abholt, das ich eingerichtet hatte. Als ich nach draußen kam, standen mir Männern mit Gewehren gegenüber, die mir die Hände auf dem Rücken fesselten. Ich dachte, es wären Diebe. Ich gab ihnen das Geld, das ich bei mir hatte, weil ich dachte, das würde die Sache beenden. Alles ging so schnell. Ich war überrascht und unvorbereitet auf das, was mit mir geschehen würde.“

Während seiner Gefangenschaft wurde er von den Entführern recht gut behandelt. „Sagen wir einfach, sie haben mich nie verletzt oder geschlagen. Es gab einige Worte, die vielleicht ein wenig verletzend waren. Ich war sogar bereit zu sterben, aber ich stellte fest, dass mich diese Menschen respektierten. Sie nannten mich ‚den Alten‘. Ihr Ziel war vielmehr, mich zum Islam zu bekehren. Ich fühlte psychischen Druck, aber keinen physischen Missbrauch.“

Der italienische Ordensmann der Gesellschaft der Afrikamissionen erzählt von mehreren schwierigen Momenten, darunter die langen Tage und Nächte, in denen er in der riesigen Wüste entlang des Flusses Niger wanderte. Angesichts dieser Unendlichkeit fühlte Pater Maccalli extreme Unruhe und große Einsamkeit. „Wo gehen wir hin? Wo sind wir?“, fragte ich. Da habe ich geweint, ich war verloren. Und ich fragte: „Herr, wo bist du?“ [weint] „Ich hatte nie Angst, Gott sei Dank, ich habe mich nie verlassen gefühlt. Aber ja, ich schrie zu Gott, ich war wütend auf ihn, aber ich fühlte, dass er da war, er war die einzige Präsenz, die mich trug.“

Seine Tage waren eintönig, und die Zeit verging langsam. „Sobald ich aufwachte und die Ketten abgenommen wurden, betete ich den Rosenkranz, den ich mir mit einem kleinen Seil beim Gehen selbst angefertigt hatte. Ab und zu habe ich gekocht. Am Ende, in der letzten Phase, war ich in Begleitung einer weiteren Geisel, mit der ich sprechen konnte. Wir hatten auch ein kleines Radio.“

Der italienische Missionar Pater Pierluigi Maccalli.
Der italienische Missionar Pater Pierluigi Maccalli.

Am Abend des 6. Oktober kam ein Mann mit dem Auto und rief: „‘Befreiung!‘ So reisten wir am 8. Oktober ab, nach dem muslimischen Gebet. Wir haben außerdem die französische Geisel Sophie Petronin und Soumaila Cissé, einen malischen Politiker, getroffen.“

Die Geiseln wurden anschließend per Auto und dann per Flugzeug zum Flughafen Bamako gebracht. Dort trafen sie mit dem neuen Übergangspräsidenten, Bah N’Daw, zusammen. Pater Maccalli dankte Gott und den anwesenden Behörden. Am Abend des 8. Oktober wurden die ehemaligen Geiseln nach Rom geflogen, wo sie schließlich mit ihren Familien wiedervereint wurden und P. Maccalli die Eucharistie feiern konnte: „Zwei Jahre des Wartens waren vorbei. Endlich!“

„Ich höre all die Zeugnisse, in denen es heißt: ‘Du hast nie aufgegeben‘. Ich war nie allein, auch wenn ich mich manchmal so fühlte, aber der Herr war mit mir, mit uns. Zuerst dachte ich, ich würde in drei Monaten entlassen werden, dann in sechs Monaten, aber es verging ein Jahr, anderthalb Jahre, dann zwei Jahre. Es war viel zu lang. Ich wusste, dass es noch andere Geiseln gab, darunter einen Rumänen, der seit sechs Jahren dort war! Wie kann man so lange durchhalten? Gott sei Dank ist für mich alles vorbei. Heute bin ich wieder bei Euch. Mir fehlen die Worte, um allen zu danken.“

Die große Stille ist die Erfahrung, die den Priester tief geprägt hat. „Ich erlebte schöne Dinge, weil ich mich in einer großen Stille befand. Nach so vielen Jahren der Verkündigung des Wortes musste ich schweigen und in das Schweigen Gottes eintreten. Ich verstand, dass dies vielleicht meine Mission war. Es war wirklich die Stille der Wüste, es gab nur die Musik des wehenden Windes. Und es war tatsächlich positiv, denn in der Stille hört man andere Dinge. Die Sterne waren meine Gesellschaft, sehr schön, sehr hell. Am Morgen musste ich dann die brennende Sonne, die Hitze und den Durst ertragen. Ja, ich habe gelitten. Aber die große Stille ist auch ein Segen. Es ist ein innerer Weg, der uns weit und in die Tiefe führt.“

Pater Maccalli erwähnt in seinem Zeugnis auch die Frauen, die noch immer als Geiseln gehalten werden. Denn diese werden von ihren muslimischen Entführern noch stärker verachtet. Er denkt insbesondere an Schwester Gloria, eine kolumbianische Nonne, die erste Anzeichen von Erschöpfung zeigte.

Er lädt dazu ein, für den Frieden in Afrika zu beten. „Ich habe 21 Jahre in Afrika gelebt. Afrika ist schön, stark, besteht aus Austausch und Teilen. Aber es ist auch ein Körper, der durch Gewalt und all diese Rebellionsbewegungen in Ketten liegt. Lasst uns zum Herrn beten für Frieden und Freiheit. Der Papst hat diese neue Enzyklika Fratelli Tutti geschrieben. Möge diese universale Bruderschaft das Herz Afrikas berühren, denn das ist die Schönheit unserer Mission.“

Schließlich überbringt die ehemalige Geisel eine letzte Friedensbotschaft: „Ich hege keinen Groll gegen meine Entführer. Diese jungen Leute werden durch Propagandavideos indoktriniert, sie wissen nicht, was sie tun. Aber es muss einen gewaltlosen Weg zum Frieden geben, der die wahre Botschaft des Reiches Gottes ist. Wir müssen weiter arbeiten, mit Geduld, Demut und ohne Gewalt.“

Das komplette Interview auf Französisch mit englischen Untertiteln kann man hier finden:

https://www.youtube.com/watch?v=G24QoFtrxEw

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